Heute befasst sich die Bibliothek besonders mit den Werken von Fürstabt Martin II. Gerbert. Es ist gelungen den eigenen Bestand und den Bestand an Leihgaben in der letzten Zeit durch einige – ausschließlich aus Spenden finanzierte – Neuerwerbungen weiter zu komplettieren, u.a. durch das vollständige Standartwerk über die Kirchenmusik De cantu et musica sacra a prima ecclesiae aetate usque ad praesens tempus in zwei Bänden und das wichtige Werk über die Geschichte der Liturgie Vetus Liturgia alemannica, disquisitionibus praeviis, notis et observationibus illustrata ebenfalls in zwei Bänden sowie die von Gerbert neu aufgelegten Taphographia principum Austriae ... und Pinacotheca principium Austriae … (einschließlich des bereits 1750 in Wien erschienenen ersten Bandes der Monumenta principium Austriae … jedoch leider ohne die sehr seltene Nummoteca)

Um Angebote dieser in der Regel selten auf den Markt kommenden Bücher zu finden, sind Recherchen auch im europäischen Ausland und bis in die USA erforderlich. Dort wurde eine Neuerwerbung, die Demonstratio verae religionis veraeque ecclesiae contra quasvis falsas, aus der Bibliothek eines aufgelösten Priesterseminars in Ohio gefunden. 

Kurz vor Weihnachten 2004 ist es gelungen, einige weitere interessante Neuerwerbungen zu machen. Mit Hilfe der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, die nach Vorarbeiten von G. Pfeilschifter und A. Allgeier die von W. Müller zusammengestellten Briefe und Akten des Fürstabtes Martin II. Gerbert von St. Blasien (I. Bd. Politische Korrespondenz 1782 - 1793 u. II. Bd. Wissenschaftliche Korrespondenz 1782 - 1793) 1957 herausgab, konnten diese für die wissenschaftliche Bearbeitung des Wissenschaftlers und Politikers Gerbert wichtigen Grundlagen erworben werden. 

Bereits vor einiger Zeit gelang es eine hervorragende Faksimileausgabe der 1784 erschienen Scriptores ecclesiastici de musica sacra potissimum zu erwerben mit außerordentlich interessanten Randbemerkungen des Vorbesitzers, eines renommierten Musikwissenschaftlers, zusammen mit dem Clavis Gerberti von Prof. M. Bernhard. 

Völlig überraschend war dann im November 2005 die Suche nach einer der sehr seltenen Originalausgaben in diesem Fall der scriptores ecclesiastici de musica sacra potissimum erfolgreich. Die Bibliothek erhielt bei einer Auktion in New York den Zuschlag für eine Originalausgabe dieses wichtigen musikhistorischen und musiktheoretischen Werkes von Fürstabt Gerbert. Sie verfügt damit endlich über sämtliche musikhistorischen und historischen Werke Gerberts im Original.

Eine Aufstellung der von Fürstabt Gerbert verfassten bzw. von ihm herausgegebenen Werke einschließlich einer Liste von Veröffentlichungen und Büchern, die im Zusammenhang mit seinem Leben und Wirken stehen finden Sie auf der Seite

Eine Kurzfassung des Lebenslaufs dieses überaus interessanten Mannes  finden sie weiter unten.

Einen interessanten Berichte über das Symposium „Martin Gerbert – Fürst und Abt von St. Blasien“ in St. Blasien am 4./5. Mai 2002 finden Sie mit einem Klick hier. Hierbei wurde besonders die große Bedeutung von Gerbert Werken "De cantu et musica sacra . . .(1784)" und "Scriptores ecclesiastici de musica sacra potissimum . . .(1784)" für die heutige Musikwissenschaft herausgestellt. 

Bildnis von Fürstabt Martin II. Gerbert im Refektorium des ehemaligen Benediktinerpriorats Oberried

 

Martin (Taufnamen: Franciscus Dominicus Bernardus) Gerbert von Hornau wurde am 11. August 1720 (getauft am 12.8.1720) in Horb am Neckar als Sohn eines Kaufmanns geboren.

Nach Besuch der Jesuitenschulen in Freiburg/Breisgau und in Klingnau (Kt. Aargau) wurde Gerbert 1736 Novize bei den Benediktinern in St. Blasien, legte 1737 seine Profess ab und empfing nach philosophisch-theologischen Studien 1744 die Priesterweihe. Fürstabt Meinrad Troger ernannte ihn 1755 zum Bibliothekar und bald auch zum Professor der Philosophie und Theologie. Seine wissenschaftliche und literarische Tätigkeit galt in der theologischen Epoche von 1750-59 der Reform des theologischen Studienbetriebs und der Ausarbeitung der methodologischen Einführungsschriften wie einer Gesamtdarstellung der Theologie in einer Anzahl von Lehrbüchern. Auf ausgedehnten Studienreisen 1759-63 durch Deutschland, Italien und Frankreich sammelte er ein riesiges Quellenmaterial für seine liturgiegeschichtlichen und musikgeschichtlichen Arbeiten.  

1764 wurde Gerbert zum 46. Abt von St. Blasien gewählt. Unter seiner Leitung erfuhr das Kloster in seiner jahrhundertealten Geschichte eine letzte Spätblüte. Gerbert gehört zu den landesgeschichtlich bedeutendsten Persönlichkeiten im südwestdeutschen oberrheinischen Raum. Als Abt blieb er den Wissenschaften treu, ohne im geringsten die Aufgaben der Verwaltung und Regierung der umfangreichen Klosterherrschaft zu vernachlässigen. Er war ein erfolgreicher Verwaltungsmann, ein vorzüglicher Diplomat und ein gewissenhafter Seelsorger. 1774 schloss Gerbert seine Arbeiten über die Geschichte der Kirchenmusik ab, ein Werk, das für die Kenntnis der mittelalterlichen Musik grundlegend ist. Seine liturgiegeschichtlichen Forschungen haben nahezu gleiche Bedeutung. Obwohl er ein treuer österreichischer Reichsvasall war und in guten Beziehungen zu Österreich stand, protestierte Gerbert im Namen der breisgauischen Äbte bei Maria Theresia und nach ihrem Tod 1780 bei Joseph II. und Leopold II. gegen die kirchenpolitischen Gesetze der Wiener Regierung, da diese die Klöster in ihrer Existenz bedrohten. 1768 fiel das Kloster mit der Kirche einem verheerenden Brand zum Opfer. Nach fünf Vierteljahren stand das neue Kloster. Die Kirche ließ Gerbert in klassizistischem Stil völlig neu errichten als einen Rundtempel nach dem Vorbild des römischen Pantheons und weihte den Neubau 1783 ein.

Am 13. Mai 1793 verstarb Fürstabt Martin II. Gerbert im Alter von 72 Jahren in St. Blasien.  

 

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